Zehn Jahre Verband der Deutschen in Reichenberg


Zehn Jahre Verband der Deutschen in Reichenberg
[Autor: Erwin Scholz, Eduard Engel, 05.10.2001]


Als im Spätherbst 1989 das sowjetische Imperium einschließlich der kommunistischen Diktatur in der damaligen CSFR am Zerbrechen war, öffneten sich für die dort verbliebenen Deutschen ungeahnte Welten. Wie viele waren es überhaupt noch?
Warum waren sie verblieben und wurden nicht vertrieben? Erwin Scholz, als Gründungsmitglied „die Seele des I Verbandes“ weit über unsere Heimatlandschaft hinaus und anfänglich sein Vorsitzender, hat eine umfangreiche Chronik als Tätigkeitsbericht verfaßt, der wir folgendes entnehmen:

„Was war bloß geschehen?
Eine ungeheuerliche Staatsgewalt, gestützt auf eine modern ausgerüstete Streitmacht, Polizei, Geheime Staatspolizei, schwer bewaffnete Arbeitermilizen und eine Million eingeschriebener Mitglieder der KPÈ war wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Wie hohl und zerbrechlich muß es wohl gewesen sein, wenn es ein paar intellektuelle Dissidenten unter Václav Havel ohne Gewalt und Blutvergießen aus den Angeln heben konnten!“

Von den wilden und planmäßigen Vertreibungen hatte man 1945/46 nur wenige deutschstämmige Landsleute aus den verschiedensten Gründen ausgenommen: alte Alleinstehende, manche fachlich zunächst Unabkömmlichen, Partner aus Mischehen, damals überzeugte Antifaschisten und deren – politisch größtenteils unschuldige und unbescholtene – Nachkommen.
Dazu – wie bei jedem politischen Umschwung – Wandler zwischen den Welten mit dem sechsten Sinn für politische Veränderungen …

Sehr bald merkten die Verbliebenen, daß selbst politische Verdienste, oft standhaft und unter persönlichen Opfern und Gefahren vertreten, vergessen wurden bei einem unverfälschten Bekenntnis zu deutscher Kultur und Muttersprache. Nur wenigen gelang später noch ein Abgang im Zeichen der Familienzusammenführung; der Rest „blieb in der Heimat gefangen“.

Unter den vielfach noch eingeschüchterten Verbliebenen war kein klares Bild zu gewinnen über Anzahl und Schicksal; von hohem Durchschnittsalter und unaufhaltsamen Mischehen waren sie zudem schon in ihrer bloßen Existenz bedroht und ihrer Minderheitsrechte beraubt. Es gibt keine Illusionen, daß auch eine zögernd von europäischen Kräften unterstützte Förderung auf die Dauer bei der geschrumpften und verstreut lebenden Volksgruppe wenig ausrichten würde. Auch 1989 bestand bereits seit 20 Jahren, von Prag zentral gesteuert, in „Liberec“ eine jener Gründungsorganisationen des „Kulturverbandes der Bürger deutscher Nationalität in der CSFR“.

So paradox es erscheint, die Bedrängung der Zurückgebliebenen hatte nach Festigung der Macht durch die KPC langsam, aber merklich nachgelassen. Zwar waren Minderheitsschulen nicht durchzusetzen, aber ab 1951 erschien die erste deutsche Tageszeitung. Ab 1954/55 bis zu seinem Verbot stellte sogar ein deutsches Wandertheater (vor allem deutsche) Kultur vor und erfreute in 1081 Aufführungen mehr als 221 000 Besucher.

Während Dubceks Reformversuchen wurde in Sokolov (Falkenau a. E.) der bereits erwähnte Kulturverband gegründet, seine Gründungsmitglieder allerdings nach der Zerschlagung der Reformversuche wieder aus dem Verband ausgeschlossen. Eine „Grundorganisation“ von Prag unterstützt, bestand auch in Reichenberg, zuletzt unter der Leitung von Ellys Bílá/Wollmann aus Rosenthal I. Erst ab 1990 wurden den Verbliebenen durch Fühlungnahmen mit dem Heimatkreis Reichenberg – und hier vor allem und von Anfang an mit dem jetzigen Ehrenvorsitzenden Oskar Böse – die Leistungen der Heimatvertriebenen in der neuen Heimat so richtig bewußt.

Im Mai 1990, beim Kongreß des Kulturverbandes in Prag – E. Scholz war inzwischen führend tätig geworden – gelang es leider nicht, die Vertretung der Volksgruppe durch Vereinheitlichung zu stärken. Ein selbständiger Verein unter Walter Piverka war die Folge. Unter einem neuen Vorstand (7 Männer, 2 Frauen) setzte in „Liberec“ eine gesteigerte Kulturaktivität ein; die Ersten Dt.- Tsch. Kulturtage mit Vortragen (u. a.) von Dr. Otto von Habsburg in der dicht gedrängten Aula der TU mit anschließender Pressekonferenz im Hotel „Imperial“ mit Spitzen der Sudetendeutschen Landsmannschaft war wohl ein einzigartiges, schwer zu überbietendes Ereignis in den ersten Monaten nach dem Umbruch. Inzwischen haben sich diese Kulturtage schon siebenmal wiederholt.

Es liegt nicht am Einsatz der verbliebenen und der vertriebenen Reichenberger, daß ihnen die tschechische Öffentlichkeit offenbar keine gesteigerte Aufmerksamkeit zuwendet. Viele Ergebnisse kommen indessen im stillen zustande. Durch maßvolles, aber entschiedenes Auftreten gelang es, mit Kreis – und Stadtbehörden (einschließlich den drei aufeinander folgenden Primatoren) – von den Bibliotheken über die Gemäldegalerie und das Kulturreferat bis hin zum Nordböhmischen Museum – dauerhafte Verbindungen zu knüpfen und Vertreter der Patenstadt Augsburg einzubinden.

Das geschah auch bei Besuchen und Gegenbesuchen von Stadtvertretern. Mit dem Heimatkreis und den zuständigen Ortsbetreuern wurden auch Projekte zur Rettung kultureller Werte in Kratzau und Christofsgrund, beim Ausbau des Seniorenzentrums „Haus Martha“ in Maffersdorf, zur Ausstattung deutschsprachiger Bibliotheken und ähnlichen gemeinsam getragenen Vorhaben verwirklicht. Nach jahrelanger Untermiete bei der Feuerschutzpolizei in der Färbergasse konnte der VdD im Sommer 1999 ein eigenes Gebäude und Gelände in der Ruppersdorfer Straße 254 (früher Schimek´s Gasthaus „Zum Gondelteich“) zu einem symbolischen Mietwert (mit Verpflichtung zur Ausstattung und Instandhaltung) beziehen.

Dort finden jetzt Sitzungen, Sprachkurse, Buchverleih, Aufsicht über Kinder und alte Landsleute mit ärztlicher Betreuung u. v. a. statt. Als eines der ältesten von 13 ähnlichen Einrichtungen in Böhmen und Mähren hebt sich unser Begegnungszentrum nicht nur äußerlich ab; die nächstgelegenen sind in Morchenstern und Trautenau. Ihm gehören heute nahezu 1.000 Mitglieder in meist vorgerücktem Alter an (1992: 213, 1997: 819). Vera Straková, seit 1999 Geschäftsführerin und spätere Leiterin des BGZ hauptamtlich tätig, betreut sie mit einem monatlichen Mitteilungsblatt und umsorgt die Begegnungen betagter Gleichgesinnter in angenehmer Umgebung. Lothar Porsche, ihr Vater, ist als Mitglied des Präsidiums der Landesversammlung auch verdienstvoller Vorsitzender des Verbandes. Seit Jahren werden Veranstaltungen des Heimatkreises in der BRD und in Böhmen, Erholungsprogramme für Kinder und alte Landsleute in der BRD, in Südtirol, Dänemark und der Slowakei „beschickt“ und Seniorenheime in Maffersdorf, Philippsdorf und Rumburg verläßlich betreut.

Leider stehen Kulturgruppen in Gablonz, Warnsdorf und Böhm. Leipa noch abseits einer vereinten Arbeit zum Wohle unterstützungsbedürftiger Verbliebener in unserer Heimatlandschaft Polzen – Neiße – Niederland. Wesentlich für das unabhängige Wirken des „BGZ Liberec/Reichenberg“ ist, daß alle Aktionen, soweit nicht aus eigenen Mitteln finanziert, über die Deutsche Botschaft in Prag vom Bundesinnenministerium getragen werden. Als einziges der 13 BGZ haben wir als Träger nur den Verband, wogegen die anderen Zentren von gemischten Gesellschaften – also Verband und zuständige Kommunalbehörde – gestaltet und getragen werden. Damit bleibt uns mehr Spielraum bei der Gestaltung unserer Arbeit. Für die Unterstützung unseres BGZ sind wir der Gemeinnützigen Hermann – Niermann – Stiftung, einer Stiftung privaten Rechtes vor allem für deutsche Minderheiten in Osteuropa, neben anderen uns gewogenen Organisationen, ganz besonders dankbar.

Aus der Zahl „guter Geister“, die an der Entwicklung des BGZ persönlich großen Anteil nahmen, seien auf böhmischer Seite neben Erwin Scholz, Lothar Porsche und Vera Straková, auf deutscher Seite der Vorstand des Heimatkreises mit den vielen Initiativen von O. Böse und die (inzwischen „sächsischen“ Landsleute) H. Lang und A. Lefler hervorgehoben. Die Gründung und die laufende Tätigkeit unseres Begegnungszentrums Reichenberg/“Liberec“ stößt vereinzelt immer noch auf Zweifel und Unkenntnis unter unseren vertriebenen Landsleuten. Wir hoffen, daß Sie ein persönlicher Besuch bei Ihrem nächsten Heimataufenthalt zu neuen Erkenntnissen führt. Neben der Obhut über die verbliebenen Einwohner, die sich zum deutschen Volkstum bekennen, sehen wir als eine unserer Hauptaufgaben die Bildung und Pflege eines vertrauensvollen Verhältnisses im Alltag mit den tschechischen Mitbürgern am Beginn eines neuen Jahrtausend.

(Übernommen aus „Jeschken – Iser – Jahrbuch 2001“)

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