Textilbarone als Bauherren – Die Liebiegs in Reichenberg,

                

 

so lautet der Titel einer Sonderausstellung, die am 27. Januar 2012 im Isergebirgs-Museum in Neugablonz eröffnet wurde. Die Ausstellung, die bereits vorher in Liberec/Reichenberg und letztes Jahr auch im Textil-Museum in Augsburg gezeigt wurde, ist eine Leihgabe des Nationalen Instituts für Denkmalpflege in Liberec/Reichenberg.

Die zuständigen Stellen in unserer ehemaligen Heimatstadt haben erfreulicherweise erkannt, dass die Liebiegs die Stadt Reichenberg nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Bauherren nachhaltig geprägt haben. So kann die Ausstellung auch als eine respektvolle Anerkennung und Würdigung dieser großen Unternehmerfamilie gesehen werden.

 

Urvater der Liebiegs ist Johann Liebieg, der am 7. Juni 1802 in Braunau/Bö. geboren wurde. 1818 kam er als gelernter Tuchmacher nach Reichenberg. Dank seiner schöpferischen und kaufmännischen Begabung war er mit seinem Bruder Franz schon 1828 in der Lage, vom Grafen Clam-Gallas eine Spinnmanufaktur zu erwerben, die er zu einer Fabrik ausbaute. Schon bald stieg er zu einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit auf. Seine Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf die Textilindustrie in Reichenberg. Am Ende seines Lebens besaß er 15 verschiedene Unternehmen und umfangreiche Besitzungen im ganzen Kaiserreich Österreich.

Für seine wirtschaftlichen Erfolge und seine zahlreichen Verdienste für das Gemeinwesen wurde Johann Liebieg 1867 vom Kaiser mit dem erblichen Freiherrnstand geadelt.

Johann von Liebieg (1802-1870) war der Gründer einer Dynastie von Unternehmern und Kaufherren, in welcher der Ahne und viele seiner Nachfahren Hand in Hand gearbeitet haben und so den Namen Liebieg weit über die Grenzen Österreichs und später der Tschechoslowakei zu Anerkennung und Geltung verhalfen.

Die Familien Liebieg haben seit ihrem Gründer eine vorbildliche Sozialpolitik betrieben, die ihren Niederschlag in den verschiedensten sozialen Einrichtungen gefunden haben.

So gehören auch die Beamten- und Arbeitersiedlungen in Reichenberg, wie die Liebiegstadt, vom Enkel Theodor von Liebieg (1872-1939) erbaut, in ihrer noblen Architektur und ihrem sozialen Status zu den vorbildlichsten Anlagen ihrer Zeit. Theodor von Liebieg wurde 1893 auch als Autopionier gefeiert, als er mit einem Auto von der Firma Benz über 900 km von Reichenberg bis an die Mosel fuhr. Er hat in dem Isergebirgsmuseum auch eine angemessene Würdigung erfahren.

Die Familie Liebieg – so die Museumsleiterin Frau Haupt – spielen für die Tuchermacherindustrie in Reichenberg eine ähnliche Rolle wie die Familie Riedel für die Gablonzer Glasindustrie.

Die Grüße der Stadt Kaufbeuren überbrachte Bürgermeister Ernst Holy, der darauf hinwies, dass ähnlich wie in Reichenberg auch in Kaufbeuren zu Beginn des 19. Jahrhunderts 1838 eine Spinnerei und Weberei gegründet wurde.

Frau Šternovà ging in ihrer Ansprache, die Frau Hefele aus Neusäß übersetzte, auf den Lebensweg des Firmengründers ein und hob hervor, dass Reichenberg durch die Fabrikanlagen, durch die Arbeitersiedlungen, durch Musterhäuser für Beamte, durch die Liebiegstadt, die Liebiegwarte und natürlich durch die Liebiegvilla markante Bauwerke erhalten hat, die auch heute noch nachhaltige Spuren hinterlassen haben.

Schließlich ergriff auch noch der Ururenkel von Johann Liebieg Paul von Liebieg das Wort. Er sei hocherfreut, dass er das Isergebirgsmuseum zum ersten Mal besucht hat und dankte allen, die zum Gelingen dieser wunderschönen Ausstellung beigetragen haben. Auch wenn die Textilfabriken heute nicht mehr existieren, so hoffe er, dass die Gebäude seiner Vorfahren auch in Zukunft erhalten bleiben.

Die sehenswerte kleine, aber feine Ausstellung ist von der Museumsleiterin Eva Haupt mit sehr viel Umsicht und Gespür gestaltet worden. Sie kann noch bis 6. Mai 2012 besichtigt werden.

Rudolf Simm

 

 

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