Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Utl.: Haltlosigkeit der Kollektivschuldthese im Vortrag in St. Pölten diskutiert

Die Bezirksgruppe St. Pölten der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ) hielt am 16. März d.J. ihre Hauptversammlung – ohne Neuwahl – im Restaurant Graf ab.

Obmann Reg. Rat. Franz Schaden konnte eine Reihe von Vertretern der Stadtpolitik begrüßen: Bgm. Mag. Matthias Stadler, vom Stadtrat Ing. Helmut Eder (SPÖ) vertreten, Vzbgm. Ing. Matthias Adl (ÖVP) durch STR Mag. Bernhard Wurzer (ÖVP) vertreten und STR Mag. Johann Rankl (SPÖ). Die FPÖ-Fraktion war durch GR Heidelinde Rosskopf und die Grünen durch GR a.D.Ing. Udo Altphart vertreten, für die Kath. Kirche war Rektor DDr. Reinhard Knittl gekommen für den Hesserbund Karl Zuzak und die Hesserbund-Garde Ing. Alfred Wurmauer. Bundesobmann Gerhard Zeihsel und Landesobmann der SLÖ-Wien, NÖ und Bgld. Dieter Kutschera vertraten die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich.

Nach den Vereinsberichten – aus denen man die vielfältigen Aktivitäten ersehen konnte – wurde der Vereinsvorstand entlastet. Es folgte das Hauptreferat von Historiker Mag. Thomas Lösch, der ein Thema behandelte, welches in der Öffentlichkeit Österreichs kaum bekannt ist:

Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Mag. Lösch – ein Mitarbeiter des Magistrats der Stadt St. Pölten/Kulturamt wurde durch Obm. Schaden dazu angesprochen einen Referenten zu diesem Thema zu empfehlen. Da ihn dieses Thema selbst interessierte, übernahm Lösch selbst diese Aufgabe und erarbeitete diesen Vortrag. U.a. waren es zwei Bücher die er durcharbeitete: von Alena Wagnerova „Helden der Hoffnung“ – Die anderen Deutschen aus den Sudeten 1935-1989 und von Lorenz Knorr „Gegen Hitler und Henlein“ – Antifaschistischer Widerstand unter den Sudeten und in der Wehrmacht. 

Das Ergebnis dieser Studien über den antifaschistischen Widerstand zusammengefasst zeigt die Haltlosigkeit einer den Sudetendeutschen pauschal vorgeworfenen NS-Kollektivschuld. Lösch behandelte auch das tragische Schicksal des deutschen Widerstandes in der ČSR nach Kriegsende.

In einem kurzen Rückblick erinnerte Lösch an den Ausgangspunkt des Problems der 3,5 Millionen Deutschen durch die Nichtgewährung des versprochenen Selbstbestimmungsrechts in der neugegründeten 1. ČSR ab 1918. Er schilderte die ethnische Aufsplitterung der Parteien in jeweils tschechische und deutsche sozialdemokratische, nationale und bürgerliche Parteien. Einzig die Kommunisten waren multiethnisch – also vereinten Tschechen und Deutsche in der Kommunistischen Partei.

Hatten 1920 die deutschen Sozialdemokraten 31 Mandate im ČSR-Parlament, waren es 1925 nur mehr 17 Mandate und ab der Parlamentswahl von 1935 nur mehr 11 Abgeordnete, während die 1933 als Sudetendeutsche Heimatfront ins Leben gerufene nachherige Sudetendeutsche Partei (SdP) auf 44 Mandate – also auf zwei Drittel aller sudetendeutschen Stimmen kam. Die Gründe für den plötzlichen Aufschwung der SdP sind sowohl im außenpolitischen wie im innerpolitischen Vorgängen (Diskriminierung) zu suchen, in der vor allem in den sudetendeutschen Gebieten gefährlich angewachsenen Wirtschaftskrise, in der dadurch mit hervorgerufenen Arbeitslosigkeit und in der von den Tschechen nur wenig gewürdigten Tätigkeit der deutschen Regierungsparteien. Die KP konnte ihren Stand von 1929 von 30 Mandaten auch 1935 in vollem Umfang behaupten.

Bei dieser Wahl war eine der Hauptforderungen der SdP die Autonomie der deutschen Gebiete in der ČSR – die abermals verweigert wurde. Bei den Gemeindewahlen im Mai 1938 errang die SdP über 90% aller sudetendeutschen Stimmen.

Ab 1933 kamen aus dem Deutschen Reich antifaschistische Flüchtlinge in die ČSR, ab 1934 aus Österreich. Sie wurden von sudetendeutschen Antifaschisten unterstützt. Noch bis 1938 wurden Zeitungen und Zeitschriften für Sozialdemokraten im Deutschen Reich und in Österreich in der ČSR gedruckt und hinübergeschmuggelt, die Arbeiter-Zeitung wurde in Brünn gedruckt. Die ČSR unterstützte die deutschen Flüchtlinge nicht, gaben ihnen auch keine Arbeitsbewilligungen und so emigrierten viele von ihnen in die UdSSR, wo sie oft stalinistischen Säuberungen zum Opfer fielen.

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 an Deutschland spitzte sich die Lage der Deutschen in der ČSR zu. Die SdP verfolgte nunmehr auch den Anschluss der deutschen Gebiete an Deutschland. Es hatte sich schon das Sudetendeutsche Freikorps mit Bewaffnung durch Deutschland gegründet, das von Bayern oder Österreich aus tschechische Grenzer angriffen. Nach der ČSR-Generalmobilmachung im Mai 1938 – wo die Sudetendeutschen gut zur Hälfte einrückten – obwohl ihnen die ČSR-Armee nicht mehr vertraute.

Die deutschen Sozialdemokraten in der ČSR hatten die Republikanische Wehr gegründet – die zum Unterschied zum österr. Republikanischen Schutzbund Kommunisten aufnahm und mit Waffen der ČSR ausgerüstet waren. Lösch erinnerte an eine Machtdemonstration in Aussig/Elbe wo 7.000 Mann aufmarschiert waren.

1938 gab es bei derartigen Scharmützeln bis zu 200 Tote auf allen Seiten. Die Kommunisten riefen ihre Anhänger dazu auf zur ČSR zu stehen – aber verurteilten die diskriminierende Behandlung der Deutschen in der ČSR!

Nach dem Münchener Abkommen folgte der Anschluss der mehrheitlich deutschen Gebiete der ČSR an das Deutsche Reich, der von der Mehrheit der Sudetendeutschen als Befreiung vom tschechischen Joch gesehen wurde.

Einige zehntausend sudetendeutsche Antifaschisten flüchteten in die ČSR, 7.000 durften nach Großbritannien emigrieren. Kurzzeitig kamen bis zu 20.000 sdd. Antifaschisten in KZ´s, wobei die meisten sehr bald freigelassen wurden, ca. 2.000 blieben bis zum Ende oder bis zum Tod.

Im März 1939 besetzte Hitler–Deutschland die Resttschechei – die Karpatoukraine und die Slowakei hatten sich von der ČSR abgetrennt. Aus dem Protektorat wurden geflüchtete Antifaschisten von den tschechischen Behörden in die Sudetengebiete wieder überstellt.

Die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) stellte den offiziellen Widerstand gegen die NS-Behörden ein, Widerstand durch Sabotage und Flugblattaktionen wurde aber auch von Sozialdemokraten und kirchlichen Kreisen geheim weiter geleistet.

In der Tschechischen Auslandsarmee oder in englischen Armeeinheiten dienten rund 500 antifaschistische Soldaten.

In der tschechischen Exilregierung Beneš´s in London waren auch Deutsche vertreten – darunter der prominente Wenzel Jaksch. Als aber schon 1943 über Vertreibungspläne der Deutschen diskutiert wurde, gab es erbitterten Widerstand und sie wurden nicht mehr eingeladen.

Nach Kriegsende waren kurz deutsche Antifaschisten auf ihre früheren Funktionen, wie Bürgermeister zurückgekehrt, über Antifaschistische Komitees mit Tschechen. Das währte aber nicht lange: die Beneš-Dekrete nahmen zwar Antifaschisten von Verfolgung und Enteignung aus, das war aber bald vergessen. Es gab zwei Gruppen von deutschen Antifaschisten: die bis 1938 Widerstand leisteten und die von 1938 bis 1945 Widerstand leisteten wurden besser bewertet – wenn sie im KZ waren fielen sie auch aus, und die jüdische Bevölkerung hatte sich bei der Volkszählung 1930 mehrheitlich als deutschsprachig bekannt und fielen daher auch unter die Beneš-Dekrete – obwohl sie im KZ waren!

Den deutschen Antifaschisten blieb aber meist die „Wilde Vertreibung“ erspart: wenige bekamen die ČSR-Staatsbürgerschaft, die meisten der rund 200.000 Antifaschisten wurden schließlich auch enteignet aber etwas besser behandelt. Über 100.000 kamen durch die Ullmann-Transporte per Bahnabschub – etwas privilegiert – sie durften von 150 kg bis einen Viertel Waggon mit Möbel mitnehmen. Sie waren diskriminiert, weil sie nicht tschechisch konnten. Ihr Eigentum wurde in treuhändische Verwaltung übernommen, aber nach der Machtübernahme der Kommunisten im Feber 1948 war das nur mehr theoretisches Recht. Die deutschen Kommunisten schob man in die SBZ/DDR ab – sie sollten dort den Kommunismus aufbauen helfen.

Die verbliebenen Deutschen waren Bürger 2.Klasse, erst in den 1960er Jahren wurden sie als deutsche Minderheit anerkannt und konnten sich im Kulturverband der Deutschen organisieren.

Der miese Nachkriegsumgang mit den deutschen Antifaschisten war in der KP-Zeit kein Thema, da wurde nur von „Umsiedlung“ verharmlosend gesprochen. In den 1960er Jahren wurde von der sozialdemokratischen Gesinnungsgemeinschaft „Seligergemeinde“ über den bewaffneten Widerstand publiziert, kaum etwas ist noch erhältlich.

Die ČSR-Regierung fasste am 24. August 2005 die Resolution Nr. 1081, wo dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf dem Gebiet der ČSR für ihre Treue gedankt wurde und das Bedauern dafür ausgesprochen dass sie im Widerspruch zu den Beneš-Dekreten nicht angemessen behandelt wurden. In einer Ausstellung wurden Opfer vorgestellt – auch in der Universität am Ring in Wien.

Hier bekam die pauschale Kollektivschuld einen Riss – die Konsequenzen lassen auf sich warten.

Spätaussiedler aus der ČSR hatten einen weiteren Nachteil: als sie in der BRD ankamen, waren die meisten Arbeitsstellen schon besetzt, sie kamen vom Regen in die Traufe.

„Es waren enttäuschte Hoffnungen der deutschen Antifaschisten, die für die ČSR kämpften und diese hat es ihnen überhaupt nicht gedankt“, schloss Mag. Lösch seinen Vortrag, der vielen Neues brachte.

In der anschließenden Diskussion wurden von Teilnehmern auch viele persönliche Erlebnisse aus dieser Zeit angesprochen.

Quelle:

Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)

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