Stuttgart: Sudetendeutsche Vereinigungen treffen sich im Haus der Heimat

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft lud ein und die sudetendeutschen Vereinigungen in Baden-Württemberg folgten dem Ruf nach Stuttgart. Lag es am angekündigten Steffen Hörtler, dem Geschäftsführer des Sudetendeutschen Sozial-und Bildungswerkes, dass so viele Teilnehmer zu verzeichnen waren oder lag es an der aktuellen politischen Lage? Die Teilnehmer jedenfalls bekamen einen Querschnitt aktueller Themen präsentiert und Steffen Hörtler verstand es alle Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.

 

Nach der Begrüßung durch den stellvertretenden Landesobmann Horst Löffler ergriff Landesobmann Werner Nowak das Wort. Er dankte den Anwesenden für ihr Kommen und wies auf die Bedeutung dieser zweimal jährlich stattfindenden Zusammenkünfte hin. Baden-Württemberg ist das einzige Land in dem sich die Landsmannschaft regelmäßig mit anderen sudetendeutschen Einrichtungen zusammensetzt und anstehende Fragen diskutiert. 

Jetzt verstehe ich was Heimat ist

Zur Frühjahrssitzung war Steffen Hörtler eingeladen über die Arbeit des Heiligenhofes in Bad Kissingen und der Burg Hohenberg zu berichten. Die aktuellen Ereignisse in Bayern waren es aber, die ihn veranlassten seinen Bericht in zwei Bereiche zu unterteilen. Den eigentlich erwarteten Bericht über seine Tätigkeit und den kürzlichen Besuch von Petr Nečas, dem Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik, der zum Zeitpunkt der Einladung nach Stuttgart noch gar nicht bekannt war.

Ausführlich berichtete Hörtler über seine Funktion in der Stiftung und seine mittlerweile 15 Jahre in Hohenberg und Bad Kissingen. Bewußt verzichtete er auf eine detaillierte Schilderung der Anfangsjahre. Wichtig war ihm in diesem Zusammenhang, dass es eine finanzielle Unterstützung aus Norwegen war, die es dem Sudetendeutschen Sozialwerk ermöglichte diese Stätte als ein Haus für die Begegnung der Jugend zu erwerben und über die Jahre nicht nur zu erhalten, sondern stets den modernen Anforderungen anzupassen. Der eine und andere Anwesende kannte Steffen Hörtler bereits von eigenen Besuchen am Heiligenhof, so dass sein Standardgruß, den er jeder Gruppe zu Teil werden läßt „Willkommen auf sudetendeutschem Boden“ schon bekannt war. Dass es sich beim Heiligenhof um das erste gemeinsame gemeinschaftliche Eigentum der Sudetendeutschen handelt, war da schon eher unbekannt.

Heiligenhof und Hohenberg im Tandem als Bildungsstätte zu verstehen ist ihm ein wichtiges Anliegen. So kommt es nicht von ungefähr, dass aus den einst für sudetendeutsche Gruppen aufgebauten Heimen ein Ort der Bildung für alle Schichten wurde. Schul- und Jugendgruppen sind ebenso anzutreffen wie Gruppen der Erwachsenenbildung. Steffen Hörtler sieht sich deshalb hier als Sudetendeutscher in der Pflicht und nimmt diese auch immer wieder wahr um den Besuchern die sudetendeutsche Geschichte näher zu bringen. Wie oft kommen junge und ältere Menschen, die nichts über die Sudetendeutschen, ihre Geschichte und ihr Schicksal wissen? Daher sieht er mit Besorgnis, dass bei deutschen Besuchern die Unwissenheit besonders groß ist. Tschechen hingegen, vor allem jüngere kommen heute, anders als noch vor wenigen Jahren sehr aufgeschlossen, wißbegierig und mit einigen Vorkenntnissen in die Rhön. Interessant fand er auch, dass es in den letzten zehn Jahren wohl keine deutsche Schulklasse gab, die den Weg zum Heiligenhof fand, weil es ein Ort sudetendeutscher Vergangenheit und Gegenwart ist.

Viele Verbände und Organisation der SL seien aber noch immer stark in das Jahresprogramm eingebunden und unterstützten damit die Arbeit.

In den letzten Jahren hat sich der Heiligenhof, wieder einmal muss man wohl sagen, verwandelt. In der Zwischenzeit gehören ein Klettergarten, Kanufahrten und anderes zum Standardprogramm, um immer wieder neue Gruppen anzusprechen.

Bei seiner Arbeit kommt er immer wieder mit Studierenden zusammen. Mit Studierenden aus Deutschland, aber auch aus der Tschechischen Republik. Er kennt keine Berührungsängste und vertritt die sudetendeutsche Sache tagtäglich und direkt.

Die Bildungsarbeit ist und bleibt daher zentrale Aufgabe des Heiligenhofes. Und wenn Teilnehmer seiner Studienfahrten sagen „Jetzt verstehe ich was Heimat ist“, dann hat er nicht nur für sich, sondern für die gesamte Volksgruppe einen Erfolg erzielt.

Nečas in München – Der Weg ist geebnet, nun muss er beschritten werden

Dass man aus Berlin keine Antworten auf die sudetendeutsche Frage erhalten würde, hatte schon Landesobmann Nowak anläßlich der Landesversammlung eine Woche zuvor angemerkt. In das gleiche Horn stieß nun Hörtler. Er untermauerte dies mit Äußerungen aus seinen Begegnungen mit Politikern und Behördenvertretern, die immer wieder auf die deutsch-tschechische Erklärung verwiesen und dass man den Blick nach vorn richten solle.

Kritisch berichtete er zum Besuch des tschechischen Ministerpräsidenten. Kritisch weil er zwar die gesamte politische Dimension einerseits als positiv bewertete. Kritisch aber auch, weil er erkennt, dass dies erst der Anfang weiterer Gespräche sein kann. Als geladener Gast nahm er an dem gemeinsamen Abendempfang und der Rede von Nečas im Bayerischen Landtag mit Ministerpräsident Seehofer und weiteren Vertretern der Landsmannschaft teil. Erstmals erhielten die Anwesenden in Stuttgart einen Eindruck dessen, was tatsächlich passiert war. Einen unverblümten Eindruck aus erster Hand. Hörtler erzählte vom gemeinsamen Abendessen und wie er und die stellvertretenden Vorsitzenden der Landsmannschaft mit Nečas in Kontakt kamen, sich mit ihm direkt austauschten und zum Schluß sich die sudetendeutschen Vertreter mit dem Ministerpräsidenten auf einem gemeinsamen Foto wiederfanden. Er berichtete, wie ausführlich Barbara Stamm die Sudetendeutschen im Landtag begrüßte und dass sie von der „großen historische Leistung“ der Sudetendeutschen sprach.

Hörtler berichtete weiter über die zurückhaltende Art des Ministerpräsidenten Nečas, die sich im Lauf des Abends langsam auflöste. Und natürlich berichtete er von der Rede vor dem Bayerischen Landtag.

Historisch? Auch hier hatte Hörtler Zweifel, ebenso wie Nowak eine Woche vorher. Historisch würde er die Rede nicht nennen. Aber beeindruckend. Beeindruckend, weil sich der tschechische Ministerpräsident doch mit der einen oder anderen Äußerung von der deutsch-tschechischen Erklärung löste. Hörtler sprach aber auch die anderen Faktoren an. Der Unmut in der Tschechischen Republik, den die Reise Nečas´ auslöste. Dass es einem Staatsoberhaupt nicht gut zu Gesicht stünde nach Bayern zu fahren beispielsweise. Dabei spielt Bayern in wirtschaftlicher Hinsicht die wichtigste Rolle. Denn Bayern ist für die Tschechische Republik wichtiger als die USA. Und auch für Bayern sind gute Wirtschaftsbeziehungen zu den Tschechen wichtig. Es bleibt zu hoffen, dass Menschenrechte nicht Wirtschaftsinteressen weichen müssen.

Bemerkenswert waren zwei Hinweise von Hörtler, die bislang nicht so verstanden wurden. Einmal hat Nečas davon gesprochen bei der Gründung der Ersten Republik sich zu sehr auf nur eine Volksgruppe versteift zu haben und dabei die zweitgrößte Volksgruppe ignoriert zu haben. Und dann hat Nečas die Vertreibung beim Namen genannt. Nicht „Odsun“, sondern „Vyhnání“ waren seine Worte. Das hätte dann doch fast historische Züge, meinte Hörtler.

Abschließend gab Hörtler den Rat nun klug und besonnen zu handeln. Damit traf er ins Herz der Zuhörer. Die Landesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft wünschte den Herren Pany und Posselt noch eine Portion Mut für die nächsten Gespräche. Hörtler ergänzte dies nun sozusagen um weitere Positionen. Der Weg ist geebnet, nun muss er beschritten werden, könnte daher ein Fazit des Vortrags lauten.

Die anschließende Diskussion griff einige Aspekte auf. Übereinstimmend wurde der Vortrag von Steffen Hörtler sehr gelobt.

 

Sudetendeutsche zeigen sich auf der offerta-der größten Verbrauchermesse in Karlsuhe

Ein weiterer Tagesordnungspunkt war die Teilnahme der Landsmannschaft und der Vereinigungen an der offerta, der größten Verbrauchermesse in Karlsruhe. Der stellvertretende Landesobmann Klaus Hoffmann erklärte noch einmal die Beweggründe. Erste Zusagen wurden erteilt, so dass nun eine Projektgruppe ins Leben gerufen wird, die sich mit der Präsentation der Landsmannschaft und der Vereinigungen im Herbst beschäftigen wird.

Situation in der Tschechischen Republik

Horst Löffler berichtete noch über die derzeit schwierige finanzielle Situation der Landeszeitung in der Tschechsichen Republik und forderte indirekt zu Spenden oder dem Abschluß eines Abonnements auf und erwähnte dass das begegnungszentrum in Brünn in einer Untersuchung des Landesverbandes als bestes Begegnungszentrum ermittelt wurde. Mit dem Aufruf den Sudetendeutschen Tag in Augsburg zu besuchen endete die erste Versammlung in diesem Jahr. Die nächste Sitzung wird im Herbst an gewohnter Stelle stattfinden.

 

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Die Sudetendeutschen in Baden-Württemberg

Einige allgemeine Informationen über die Sudetendeutschen in Baden-Württemberg

Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher

Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des „Südweststaates“ beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.

27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.

Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.

Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche deutscher Bundesländer

70550 km2 Bayern

35750 km2 Baden-Württemberg

26500 km2 Sudetenland

21100 km2 Hessen

15700 km2 Schleswig-Holstein

2600 km2 Saarland

Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.

Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den „Prager Deutschen Philharmonikern“ hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen „Räuber Hotzenplotz“ und „Kleine Hexe“ heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.

Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.

In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.

Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.

Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten

4,1 Mio Norwegen

3,8 Mio Sudetendeutsche

3,3 Mio Irland

2,7 Mio Albanien

0,36 Mio Luxemburg

0,23 Mio Island

Mehr Informationen finden Sie unter

www.sudeten-bw.de

 

 

 

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