Reichenberger Zeitung

Am 16.9.1860 erschien die erste Nummer der „Reichenberger Zeitung“ als Tageszeitung, also vor über 150 Jahren. Als eigentlicher Begründer wird der am 7. 8. 1822 in Haßlinghausen (Westfalen) geborene Heinrich Tugendhold Stiepel genannt. Das Verlags und Druck-Haus Stiepel ist bis 1945 federführend gewesen. H. T. Stiepel hatte nach mehrjährigen Tätigkeiten im Druck und Verlagswesen in Bochum, Aachen, Waldenburg und Prag 1853 die „Adam’sche Buchdruckerei“ in Rumburg erworben. Dort erschien der „Rumburger Anzeiger“. 1857 erhielt er die Konzession für eine Buchdruckerei in Reichenberg und übersiedelte noch im gleichen Jahr nach dort. In Reichenberg gründete er ein neues Geschäft, das in Rumburg überließ er seinem jüngeren Bruder Julius R. Stiepel. Zum Gründungsgremium der „Reichenberger Zeitung“ gehörten an der Spitze Johann Liebieg, der Bürgermeister Ehrlich und Ignaz Ginzkey. Die ersten Redakteure waren Dr. Krernla und Moser und ab Frühjahr 1861 Dr. Alexander von Peez, der von Prag kam. 1866 verkaufte Julius Stiepel seine Rumburger Firma und trat in das Reichenberger Geschäft ein, was sich von nun an Firma „Gebrüder Stiepe1“ nannte. Ein Herzschlag beendete am 20. 3. 1886 das bedeutende Schaffen des Heinrich T. Stiepel. Seine Buchdruckerei zählte zu den größten und leistungsfähigsten der Monarchie. Die Auflage der Tageszeitung betrug 1860 1.000 Stück, 1880 3.000 Stück, 1900 13.000 Stück und 1930 68.000 Stück und wurde in ganz Nordböhmen gern gelesen. In Reichenberg gab es seit 1848 ein „Reichenberger Wochenblatt“ bzw. „Reichenberger Anzeiger“, der 1865 sein Erscheinen einstellte. Die Gründung der „Reichenberger Zeitung“ war notwendig in einer Zeit der wachsenden Öffentlichkeit im Zuge von politischen und wirtschaftlichen Bewegungen. Es war auch notwendig, daß das weit vom Zentrum der Monarchie entfernte, aber aufstrebende Nordböhmen seine Stimme erhob, zugleich als Abwehr des sich in Prag organisierenden Tschechentums.

Die gesamte deutsche Provinzpresse wurde 1847 nur durch Wochenblätter in Pilsen, Saaz, Karlsbad und Eger repräsentiert. Durch kaiserliches Patent wurde 1848 die Zensur der österreichischen Presse aufgehoben. Nun entwickelten sich sprunghaft neue Blätter in der Monarchie. Im März 1848 waren es 79 und bereits Ende 1848 bestanden 338 Blätter und 7 Zeitungen, allein in Prag 31 in damaligen beiden Landessprachen.

Die „Reichenberger Zeitung“ wurde immer erfolgreicher und kannte nur eine Partei, der sie diente, das war „Unser Sudetendeutsches Volk“. Im Oktober 1938 setzten die Nazis der Zeitung ein Ende. Es folgte das Organ der NSDAP, „Die Zeit“. Ein großer Zeitsprung sei gestattet. Diese Zeit von 1938 – 1945 sowie die Vertreibung und Enteignung des Hauses Stiepel hat die „Reichenberger Zeitung“ nicht mundtot machen können. Herr Rubner, schon Reporter der Zeitung in Reichenberg und Redakteur des „Reichenberger Tageblatt“, hat am 16.11.49 den ersten (Reichenberger) „Heimatbrief“ herausgebracht. Von Herrn Willi von Stiepel hat er sich die Zustimmung zur Verwendung des Namens „Reichenberger Zeitung“ eingeholt. Aus dem „Heimatbrief wurde am 1.7.1950 wieder die erste Ausgabe der „Reichenberger Zeitung“ als Nachrichtenblatt der Heimatvertriebenen aus dem Jeschken-Iser-Gau. Sie erscheint seit 1983 als Kopfblatt der Sudetendeutschen Zeitung und bringt in letzter Zeit die Informationen des Heimatkreises Deutsch-Gabel/Zwickau.

Adolf Lefler
Quelle: Jubilaumsausgabe der Reichenberger Zeitung zum 75-jährigen Bestehen, Reichenberg Stadt und Land im Neißetal

 

Lesen Sie auch einen Artikel über Heinrich T. Stiepel im Institut Österreichisches Biographisches Lexikon. Dort finden Sie auch ein Bild der Erstausgabe.

Posted in Aktuelles, Aus dem Heimatkreis Reichenberg, Historisches Reichenberg.

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