Reichenberg: Herbstzeit – Pilzzeit

Seit altersher werden im Herbst Pilze gesucht, gegessen und getrocknet, um für weitere Speisen verwendet zu werden. Auch in unserer Heimat, in Reichenberg, unter dem Jeschken, war dies eine Herbstbeschäftigung.

Scheinbar aber war dies nicht in jedem Landstrich der Fall, wie folgender Beitrag der Badischen Zeitung zeigt. Denn die Heimatvertriebenen brachten das Pilzesammeln aus ihrer Heimat mit ins Badische.

 

Pilze bereichern kargen Speisezettel

Bis 1945 war das Pilze sammeln in unserer Region relativ unbekannt / Sammelleidenschaft kann ansteckend sein.

Wie aus dem Märchenbuch: Fliegenpilze sind nicht für den Kopftopf, aber ein Fest für’s Auge!  Foto: Binner-Schwarz

Artenvielfalt präsentiert bei einem Pilzseminar. Foto: Jutta Binner-Schwarz

 

STÜHLINGEN. Pilzsucher sind Glückspilze! Es braucht nicht viel, um sie fröhlich zu stimmen. Wenn ihnen Pfifferlinge aus dem Unterholz entgegenleuchten, sind sie zufrieden. Finden sie gar Steinpilze, schütten sie eine nicht unerhebliche Menge an Endorphinen aus. Seltene Frühlingsmorcheln sorgen für helle Begeisterung.

„In meiner Kindheit schwammen im Mai in der Soße viel mehr Morcheln als Fleisch. Mein Vater hatte einen geheimen Platz, der unsere Speisekarte jahrelang bereicherte,“ erzählt eine einheimische Pilzliebhaberin. Welch ein Luxus, denkt man an die kleinen Stückchen, die heute edle Gerichte für teures Geld verfeinern! Bis 1945 war das Pilzesammeln in unserer Region relativ unbekannt.
Pilze bereicherten SpeisezettelEs waren die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die nach dem Krieg die hiesigen Wälder durchstreiften und sich über reiche Beute freuten. Pilze bereicherten ihren überaus kargen Speisezettel, waren vertraute Helfer gegen den Hunger. Bot sich die Möglichkeit zum Verkauf, kamen einige Pfennige in ihren leeren Geldbeutel. In Ostpreußen, Schlesien oder den Sudeten war das Pilzesuchen eine Selbstverständlichkeit und so bedeutete diese Tätigkeit für viele der unfreiwillig Zugezogenen auch ein Stück Heimat. Man kannte die schmackhaften Sorten und die entsprechenden Kochrezepte. Für den Wintervorrat wurden Pilze eingeweckt oder getrocknet. Mit der Zeit ließen sich immer mehr Einheimische von dieser Sammelleidenschaft anstecken.

Rat von Fachleuten gesucht Um keine giftigen Arten zu erwischen, suchten sie den Rat von Fachleuten. „Frau Dr. Schwörer kannte sich mit Pilzen bestens aus. Im Sommer stellten ihr viele Leute ihre Pilzkörbe auf die Veranda und sie sortierte dann die Ungenießbaren aus,“ erinnert sich eine Stühlingerin. Heute sind es Pilzseminare, die Interessierten das entsprechende Wissen vermitteln. Wie in ganz Frankreich gilt in der Partnerstadt Bellême der Apotheker als fachkundiger Spezialist. Früher war das der Partnerschaftspionier George René Roy, der auch die internationalen Pilztage in Bellême mitorganisierte. Die alljährliche „Mycologiade“ lockt bis heute Pilzkenner aus ganz Europa in den Perche, der Fachkongress mit Vorträgen und Exkursionen ist überaus beliebt. Johnny Gubler, Wahl-Wangener aus der Schweiz, stellte hier schon vor großem Publikum die Pilze des Schwarzwalds vor. Er und seine Frau Jeannette kamen 1974 über das Pilze sammeln zu ihrem Ferienhaus in Unterwangen. Bis heute servieren sie bei jedem Essen für Gäste mindestens einen köstlichen Gang mit selbstgesuchten Pilzen.
Pilzgerichte auf der Speisekarte Die bereichern während der Saison mittlerweile viele Speisekarten heimischer Gasthäuser. Teilweise stammen sie aus den umliegenden Tälern, teilweise kommen sie aus dem Ausland. Küchenchef Helge Handke aus dem Weizener „Kreuz“ berichtet: „Den Sommer über gibt es bei uns Steinpilze aus dem Schwarzwald. Von Juni bis Mitte Oktober verarbeiten wir pro Woche etwa fünf bis sieben Kilo Pfifferlinge, die aus Osteuropa kommen. Getrocknet findet man in unserer Küche Morcheln, Totentrompeten und Steinpilze, die meine Mutter sucht. Je nach „Sammlerglück“ gibt es dann noch Semmelstoppelpilze, Birkenpilze, Reizker, Schopftintlinge, Parasol oder Maronen.“

„Geschmortes Hirschkalbherz mit Riesenbovist und Herbsttrompeten“

Auch im Gasthaus „Schwanen“ in Schwaningen kommen saisonal Pilze auf den Tisch. Markus Wekerle verwendet neben Pfifferlingen und Steinpilzen aus dem Schwarzwald auch gerne etwas unbekanntere Raritäten. So stand kürzlich auf seiner Speisekarte „Geschmortes Hirschkalbherz mit Riesenbovist und Herbsttrompeten“. Noch kommen die Pilzsucher auf ihre Kosten. Die Wälder bieten derzeit eine enorme Artenvielfalt. Allein die vielen verschiedenen Formen und Farben sind ein Fest für’s Auge.
Wer sich mit Pilzen nicht auskennt, der kann sich einfach nur an ihrem schönen Anblick erfreuen. Wer allerdings das Pilzsucher-Gen in sich trägt, wird nicht mit leerem Korb nach Hause kommen. Vorsicht! Die damit verbundene Begeisterung kann ansteckend sein. Oft genügt schon ein gemeinsamer Pilzspaziergang, um Menschen, die bisher nichts mit Pilzen am Hut hatten, mit der Sammellust zu infizieren.     

 

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/stuehlingen/pilze-bereichern-kargen-speisezettel–64762313.html

 

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