Das Leben von Erwin Scholz

Ausgabe 09/03, 29. April 2003

Politik

Von Reichenberg über Italien nach Liberec: Das Leben von Erwin Scholz

Erwin Scholz war Mitbegründer der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Am 23. April wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Für die Landeszeitung lließ Scholz noch ein Mal die wichtigsten Momente seines Lebens Revue passieren.

Reichenberg.

Das Wohnzimmer sieht nicht unbedingt aus, wie das eines Rentners. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, Bücher und Zeitschriften sind auf dem Bett zwischengelagert und auf dem Tisch steht die elektrische Schreibmaschine. „An den Computer werde ich mich nicht mehr gewöhnen“, erklärt Erwin Scholz und lädt mich ein, mich niederzusetzen. Auch wenn es nicht unbedingt danach aussieht, „im Plattenbau lebt man gar nicht so schlecht“, erklärt der 75-Jährige. Aus seinem Fenster hat man einen schönen Blick auf den Jeschken, den Berg, der als Wahrzeichen für Reichenberg stehen könnte, für die Stadt, die heute Liberec heißt. In Reichenberg ist Scholz am 24. Juli 1927 geboren, dorthin kehrte er nach zweijähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück und dort verbrachte er sein ganzes Leben. Erwin Scholz ist ein bodenständiger Mensch, auch wenn sich um ihn herum die Stadt radikal verändert hat. Denn das Kriegsende und die anschließende Vertreibung der Deutschen haben Spuren im Stadtbild hinterlassen – seien es Gehsteige, die unvermittelt enden und den Fußgänger zwingen, am Straßenrand entlang zu gehen oder Baulücken in der Innenstadt, wo die alte verfallene Bausubstanz nicht ersetzt worden ist.

Narben im Stadtbild von Reichenberg

„Die Folgen der Vertreibung sind noch heute zu sehen, da sind ganze Stadtviertel zerfallen. Nicht-voreingenommene Leute, die heute hierher kommen, kommen zu dem Schluss, dass diese Stadt noch schlecht aussieht. Wir finden heute diesen Zustand der Stadt als gewaltige Verbesserung“, erklärt Scholz dazu. Er selbst hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es zumindest den heimatverbliebenen Deutschen ein wenig besser geht seit der Wende. „Die gesellschaftliche Stellung unserer Leute war auch eben nicht so, wie die unserer tschechischen Mitbürger.“ Scholz hat in Reichenberg den Verband der Deutschen gegründet und wurde 1992 erster Präsident der Landesversammlung. An diese bewegte Zeit, als sich viele Mitglieder vom Kulturverband lösten und eigene Verbände gründeten, erinnert er sich noch genau.

Gründung der Verbände und der Landesversammlung

„Nach der Wende ging es auch darum, sich von der Führungsrolle der Kommunistischen Partei zu befreien, denn alle Vereine mussten der Kommunistischen Partei ergeben sein und das bedeutete auch, dass immer einige Parteimitglieder oder Parteifunktionäre in den führenden Gremien der einzelnen Verein waren oder hineingeschleust wurden. Dann ist die Frage aufgetaucht, ob wir in dieser Phase so weiter fortfahren sollen, was bedeutet hätte, dass man außer dem Kaffe-Trinken, was uns sowieso bewilligt war, zu nichts anderem hätte Stellung nehmen können.“ Scholz hat bis heute Ressentiments gegenüber dem Kulturverband der Deutschen, der noch im Geist des Prager Frühlings, aber bereits nach dessen Niederschlagung 1969 gegründet wurde. „Ich war nicht Mitglied, ich bin da nicht reingegangen, ich habe zwar Vorträge gehalten weil ich mich vor dieser Arbeit, etwas für unsere Leute zu tun, nicht drücken wollte. Aber ich bin erst eingetreten in den letzten Tagen, schon nach der Wende, als es darum ging, in den Kulturverband demokratische Verhältnisse zu bringen. Wir sind damals mit der Vorsitzenden, der Frau Bílá, nach Prag gefahren und haben versucht, beim Kongress in Prag den Vorstand dazu zu bringen, zurückzutreten und demokratische Wahlen zuzulassen. Dann konnten sie sich nicht für einen demokratischen Vorstand entscheiden, der bereit gewesen wäre, mehr zu tun.“ Bis heute wirft Scholz dem Kulturverband vor, besonders in den frühen 90er Jahren die Arbeit der LV blockiert zu haben. „Wir hätten viel mehr erreicht, wenn sie sich zu dieser Demokratisierung im Kulturverband entschlossen hätten. Es wird immer noch zu wenig betont, heute ist es wahrscheinlich passé, aber 1992, 93 oder bis 95 wäre das für uns eine tolle Sache gewesen.“ So entstand dann aber die Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, deren erster Präsident Erwin Scholz wurde. „Wir haben uns damals eben erst durch die Landesversammlung kennen gelernt. Denn was haben wir denn voneinander früher gewusst. Ich muss sagen, ich war überrascht, dass wir uns ziemlich gut verstanden und dass sich in unseren Reihen eben Leute wiederfanden, die ihren gesunden Menschenverstand mitbrachten, die wussten, was sie wollten.“

Deutsch-tschechische Kulturtage in Reichenberg

Gerne erinnert sich Scholz an einige Veranstaltungen, die halfen, das Eis zwischen den Deutschenn und Tschechen zu brechen. „Wir haben die ersten deutsch-tschechischen Kulturtage gestartet in Reichenberg und unser hauptsächlicher Gast war Otto von Habsburg. Das waren damals Sachen, die vielen die Luft nahmen und den Verstand verschlugen. Otto von Habsburg als des Kaisers letzter Sohn hat in der Aula der Hochschule ein Referat gehalten und die Aula ist wahrscheinlich noch nie so voll gewesen wie damals. Da saßen die Studenten sogar auf den Fensterbrettern.“ Nach dem Vertrag über gutnachbarschaftliche Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Tschechien war eine offene Förderung der deutschen Minderheit von seiten Deutschlands möglich. Zunächst wurden die Fördermittel über die Sudetendeutsche Landsmannschaft an die Verbände weitergeleitet. „Das war eine unglückliche Konstellation, weil die uns immer wieder in den Verdacht brachte, wir wären die neue fünfte Kolonne in der Republik. Die Beamten in der Bundesrepublik konnten die politische Bewertung der SL hier nicht einschätzen“, blickt Scholz darauf zurück.

Das Verhältnis zur Sudetendeutschen Landsmannschaft

„Ich habe von der Sudetendeutschen Landsmannschaft 1989 kaum etwas gewusst. Ich habe mich erst einmal mit allen diesen Problemen bekannt machen müssen. Und ich habe neben den Standpunkten, die offiziell gemeldet worden sind, nicht bei einem der Funktionäre, mit denen ich in Verbindung gekommen bin, von Neubauer angefangen, Revanchismus feststellen können. Ich war erst einmal verwundert, dass man mit den Leuten eben reden kann, das ist das, was die Tschechen bis heute nicht begriffen haben.“ Doch Scholz spart keineswegs mit Kritik an dem Vertriebenenverband, insbesondere wenn es um die Haltung zu den Beneš-Dekreten geht. „Walter Piverka hat historische Verdienste insofern, als er im tschechischen Nationalrat ein Gesetz initiiert hat, das es erlaubt, verbliebenen Deutschen landwirtschaftliches Gut wieder zurück zu geben. Das war eine Superleistung, finde ich. Das war der Weg, wie man das hätte machen sollen überhaupt bei Entschädigungen. Nicht auf den Beneš-Dekreten rumreiten, die auf diese Probleme überhaupt keinen Einfluss hatten und wo der Grundgedanke der tschechischen Rechtswissenschaftler der ist, das man eben diese Rechtakte nicht rückwirkend ungültig machen kann, sondern auf diese Art und Weise durch neue Gesetze sozusagen die Bestimmungen dieser Dekrete außer Kraft zu setzen, die eventuell in Frage kämen. Diesen Weg wäre ich gegangen, wenn ich in der SL gewesen wäre. Das war doch alles Wahnsinn, was die gemacht haben.“ Wenn es um juristische Fragen geht, weiß Scholz, wovon er spricht. Er wurde 1944 Anwaltsgehilfe, bevor er noch eingezogen wurde. Als Wehrmachtssoldat geriet er 1945 in Italien in amerikanische Gefangenschaft. Später hat er dann Rechtswissenschaft studiert, ohne jedoch einen Abschluss zu machen.

Rückkehr nach Reichenberg 1947

„Ich bin 1947 nach Hause gekommen, da haben wir natürlich über die Verhältnisse nach 1945 gesprochen. Das, was mein Vater mir sagte, wie es hier zugegangen ist, hat immer dann in dem Satz geendet, du kannst von Glück reden, dass du nicht zu Hause warst. Durch diese Verhältnisse hat sich mein Vater von der kommunistischen Partei abgewandt. Er ist zwar Mitglied geblieben, er hat sich nicht mehr betätigt und hat, wo es nur ging, die Partei ignoriert. Mein Vater ist 1938 verhaftet worden mit seiner Schwester und seinem Bruder, in sogenannte Schutzhaft, es wurde angenommen, dass der Gemeindediener diese damals Verhafteteten denunziiert oder angegeben hatte. 1945 ist dem Gemeindediener der Prozess gemacht worden, alle drei haben dann für den Gemeindediener gezeugt, sie haben sich nicht einmal dazu hinreißen lassen, vor dem Gericht eine Aussage zu machen, die den Angeklagten damals belastet hätten. Die Zustände waren nach Aussagen meines Vaters derart grauenhaft, dass man wahrscheinlich als Demokrat und als Mensch sie verurteilen musste.“ Nach der Rückkehr landete Scholz erst einmal in Untersuchungshaft, „wegen illegalem Grenzübertritt“. Ihm half der Umstand, nach damaligem Recht mit 20 Jahren noch nicht volljährig gewesen zu sein, um nicht verurteilt zu werden. „Aus der Untersuchungshaft fuhren die uns immer in die Arbeit, zum Beispiel in der Landwirtschaft zur Ernte im Herbst, und ich war überrascht, wie belebt die Stadt war. 1947 war hier pulsierendes Leben, zu diesem Zustand haben viel die Tschechen beigetragen, die 1938 geflohen sind, die dann 1945 zurückkamen, diese Menschen haben sich auch kaum an Brutalitäten gegenüber unseren Landsleuten beteiligt. Die Bestialitäten, die hier vorgefallen sind, das war Mob, der aus dem Inneren kam oder sonstwoher. Interessante Erlebnisse habe ich auch mit Juden, die aus den KZs, aus dem Ghetto in Theresienstadt zurückgekommen sind, die haben sich auch nicht beteiligt, denn die waren zum Teil jetzt selber Verfolgte, ganz einfach weil sie nur deutsch sprachen. Der Deutschenhass war bei diesem Mob derart groß, dass man nicht einmal bereit war zu unterscheiden, wer unter den Nazis gelitten hat und wer was anderes war.“ Weil Scholz politisch unzuverlässig war, konnte er seinen Beruf nicht wieder ausüben, so wurde er als Buchhalter beschäftigt. Da seine Ehefrau Hilde Pädagogik studieren wollte, nahm er die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an und musste von 1951 bis 1953 zum Militär. Anschließend studierte er über eine Produktionsgenossenschaft Recht und arbeitete in der Kontrollabteilung beim Kreisamt (Krajský svaz výrobných drùžstev). Scholz hörte nie auf, sich weiterzubilden, denn „wenn man parteilos war, musste man damals arbeiten können und willens sein zu arbeiten“. 1969 wurde er zum Vorsitzenden einer Produktionsgenossenschaft gewählt, nach Kaderüberprüfungen ließ ihn Husak wieder abberufen, „weil ich als Deutscher mit vielen Westverbindungen diese Funktion nicht mehr ausführen durfte“. Also ging er aufs Amt zurück, wo er 1987 als Abteilungsleiter für Ökonomie in Rente ging. Damals war Scholz, der eine Tochter und fünf Enkelkinder hat, bereits Witwer. Gefragt, was die Vertreibung, die schließlich sein Leben verändert hat, für ihn bedeutet, holt Scholz weiter aus: „Ich stehe auch auf dem Standpunkt, dass die sudetendeutsche Partei unter Henlein 1937 zur 5. Kolonne, wie Zeman das gesagt hat, geworden ist, weil sie auf eine Zerreißung der Tschechoslowakischen Republik hingearbeitet hat. Wenn man die Dokumente liest, z.B. das Memoradnum, was Henlein an Hitler geschickt hat im November 1937, und das kann ja jeder nachlesen, nur ein Ignorant könnte das heute verleugnen. Dass kein Tscheche das als Kavaliersdelikt ansehen kann, was damals passiert ist, ist auch wieder verständlich. Aber ob alles das die Vertreibung rechtfertigt, bezweile ich stark. Ich gehe eher davon aus, dass die Vertreibung ein Verbrechen war.“ Gerd Lemke 

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