Chronik der Stadt Reichenberg: 4. November 1912

Türkische Offiziere und Soldaten in Reichenberg. Gestern hatte unsere Stadt einen lokalgeschichtlich bedeutsamen Tag. Türkische Truppen, die der Besatzung von Plevje im Sandschuk angehörten und, als dieser befestigte Ort in die Hände der Montenegriner fiel, über die österreichische Grenze flüchteten, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen, sind gestern mittags hier eingetroffen. Die Truppen, die auf österreichischem Boden gemäß den Grundsätzen des Völkerrechtes und den internatinalen Vereinbarungen entwaffnet wurden, müssen nun in Österreich in verschiedenen Garnisonsorten zurückgehalten werden, bis der Friede zwischen Montenegro und der Türkei zustande gekommen ist.

Gegen Mittag, um die angekündigte Zeit des Eintreffens, hatten sich, besonders vor dem Bahnhofe, in der Bahnhofsstraße und in der Umgebung der Notkaserne, die den türkischen Truppen zum Aufenthalte angewiesen ist, Tausende von Menschen angesammelt, welche die „Türken“ sehen und Zeuge ihres Einzuges sein wollten.

Der Güter-Eilzug, welcher die türkischen Offiziere und Truppen brachte, war am Samstag 1/2 1 Uhr nachmittags von Wien abgefahren, traf Sonntag kurz nach 1/2 1 Uhr mittags auf dem hiesigen Bahnhofe ein, dessen Ankunftsperron, gleichfalls von Neugierigen sehr stark besetzt waren. Bei der Einfahrt des Zuges sah man auf der Plattform jedes einzelnen Wagens einen Infanteristen der die Türken eskortierenden Infanterieabteilung mit aufgepflanztem Bajonett stehen.

Zur Begrüßung der türkischen Offiziere und Soldaten hatte sich eine sehr starke Abordnung des Offizierkorps der hiesigen Garnison mit dem Stationskommandanten Herrn Brigadier Generalmajor Baron Fiedler an der Spitze eingefunden. Als der Zug hielt, stiegen zunächst die türkischen Offiziere, zehn ander Zahl, aus dem Wagen und meldeten sich bei Herrn Brigadier, der die Offiziere begrüßte. Sodann wurde die türkische Mannschaft, aus 200 Mann bestehend, auswaggoniert und in Viererreihen aufgestellt. Nachdem die türkischen Offiziere über die ihr Verhalten regelnden Vorschriften informiert worden waren, verfügten sie sich durch den Ausgangstunnel vor den Bahnhof, wo für sie Wägen bereit standen, die sie in die Notkaserne brachten. Die Truppen wurden durch einen Seitenausgang ins Freie geführt und hielten in Doppelreihen ihren Einzug in die Stadt. Sie mußten ein dichtes Spalier von Menschen passieren, das in eisigem Schweigen verharrte. Die türkischen Truppen schienen völlig teilnahmslos. Wer geglaubt hatte, bunte Uniformen und reichen Waffenschmuck zu sehen, erlitt eine Enttäuschung. Die Truppen waren ganz einheitlich uniformiert und trugen eine Art Khakiuniform. Diese besteht aus einer fezartigen Kopfbedeckung, aus Blusen, eng anliegenden Hosen, Binden, sogenannte Wickelgamaschen, für die Unterschenkel, Schuhen oder Opanken, wie man sie im Orient trägt. Die Fußbekleidung war teilweise schon ziemlich defekt. Einzelne der Soldaten trugen Brotsäcke, einige eine Art primitiver Rucksäcke aus ganz ordinärem Stoffe. In der Mehrzahl waren es junge, kräftige Leute von schlankem Wuchs; man sah unter ihnen aber auch ältere, bärtige Soldaten, offenbar Reservisten. Waffen trugen die Truppen natürlich keine bei sich, dieselben waren ihnen ja bereits beim Überschreiten der Grenze Bosniens abgenommen worden. Die Truppen sahen sonst recht munter aus, die Gesichter waren gebräunt und man merkte ihnen wenig die schweren Strapazen an, die sie jedenfalls hinter sich haben.

 

Fortsetzung

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